Wozu ich gerne stehe!

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Liebe Leserinnen und Leser!

Der Sonntag Kantate will uns an die wohltuende Wirkung des Singens erinnern. Mit Liedern und geistlicher Musik ermuntern und ermutigen sich Christen gegenseitig: „Singet dem Herrn ein neues Lied!“ Wer selber singt, weiß wie gut das tut, auch körperlich. Der Kreislauf wird angeregt, der Atem wird freier, der Kopf konzentrierter, die Stimme klarer.

Und auch für die Stimmung der Seele ist das Singen und Musizieren wohltuend. Nicht immer ist es uns himmelhochjauchzend um das Gemüt bestellt. Manchmal sind wir betrübt, sorgenvoll, ängstlich. Wir erleben das ja gerade jetzt bei vielen Menschen aus den verschiedensten Gründen Da helfen uns die Lieder unserer Väter und Mütter im Glauben, die eben auch in schwierigen Situationen Gott danken und loben konnten. Die sich mit diesen Liedern auch vergewisserten, dass da ein Gott ist, den man um Hilfe und Beistand anrufen kann und dem man auch sein Leid klagen kann.

Ein feste Burg ist unser Gott konnte Martin Luther in der Zeit der Verfolgung der ersten Evangelischen dichten. Und wir denken daran, dass ein Paul Gerhard seine fröhlichen und glaubensstarken Lieder mitten in der Zeit des schrecklichen 30 jährigen Krieges verfasst hat, als es mit ihm sowohl beruflich als auch persönlich gar nicht zum Besten stand. Wie gerne singen wir in der Sommerzeit noch immer sein „Geh aus mein Herz und suche Freud.“ Und wie millionenfach mag wohl in schwerer Zeit gesungen und gebeten worden sein: "Befiehl du deine Wege" Fröhliche und glaubensstarke Lieder.

Viele trösten die Texte der geistlichen Musik sogar mehr als eine gesprochene Predigt, weil eben nicht nur der Verstand sondern auch andere Sinne angesprochen werden. So vermag die Musik einem umzustimmen, in der Musikersprache könnte man sagen von Moll nach Dur. Wahrscheinlich sind auch deshalb gerade Kirchenkonzerte oft gut besucht, auch von Menschen, die sonst weniger zum Gottesdienst kommen. Noch einmal unser Kirchenvater Martin Luther. Von ihm stammt das schöne Zitat: „Die Musik ist die beste Gottesgabe. Durch sie werden viele und große Anfechtungen verjagt. Musik ist der beste Trost für einen verstörten Menschen, auch wenn er nur ein wenig zu Singen vermag.“

Auch der Seher Johannes redet in unserem heutigen Predigttext aus dem Buch der Offenbarung von singenden Menschen. Das Lied der Überwinder, so lautet die Überschrift über diesen Abschnitt in unserer Lutherbibel. 

Wir tun uns ja manchmal ein wenig schwer mit diesem letzten Buch des Neuen Testamentes mit seinen Visionen und phantastischen und zugleich erschreckenden Bildern. Schon von seiner Entstehung an und nicht erst heute hat es in manchen Kreisen immer auch Spekulationen über das Ende der Welt ausgelöst. Und Endzeitstimmung herrschte ja auch, als es entstand, zumindest unter der jungen Christenheit. 

Eigentlich war man im römischen Reich in religiösen Fragen tolerant. Fast so wie im Preußen des alten Fritz, wo jeder nach seiner façon selig werden durfte. Aber der Kaiser Domitian hatte Ende des ersten Jahrhunderts nach Christus für sich den Anspruch erhoben, nicht nur als Kaiser sondern auch als Gott verehrt zu werden. Und wer da nicht mitmachte, der kam in ernste Gefahr, auch Lebensgefahr und das traf auch auf viele Christinnen und Christen zu.

Johannes, selbst ist mit dem Leben davon gekommen aber verbannt auf die Insel Patmos. Seine Visionen sind nicht bloß Träume und Schäume. Er malt nicht ein positives Bild von der Zukunft um die Menschen zu vertrösten und ruhig zu halten. Sondern er erinnert seine Zuhörer und Leser an das machtvolle Handeln Gottes schon bisher in der Vergangenheit und auch in der Gegenwart.

Nicht von ungefähr singen die, die in den Verfolgungen standhaft geblieben sind, das Lied des Mose. Das haben die Christen damals verstanden, zumal wenn sie ihre Wurzeln im Judentum hatten. Verstanden als Erinnerung an die Grunderfahrung des Volkes Israel, die Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten durch Gott. 

Gegen alle Widerstände des Pharao, der auch als Gottgleich verehrt wurde und mit aller Macht den Auszug verhindern wollte, hat Mose das Volk zum verheißenen Land geführt. Und natürlich steht dahinter auch die Erinnerung an die gefahrvolle und mühselige Zeit der Wanderung durch die Wüste. 

Solche Zeit ist für die Christen jetzt, sagt die Offenbarung des Johannes. Aber genau wie damals wird Gott sein Volk aus der Bedrückung befreien. Das ist sozusagen die erste Botschaft, man könnte auch sagen die Botschaft des Alten Testamentes. Das Lied des Moses.

Und daneben wird gleichsam auch die Botschaft des Neuen Testaments gestellt. Denn auch das Lied des Lammes wird laut. Erinnerung an Jesus selbst, das Lamm Gottes, den Herrn der Gemeinde und sein Schicksal. An das Kreuz auf Golgatha und an den ersten Ostermontag mit seiner Botschaft: „Er ist nicht hier, er ist auferstanden.“ Dem Gott, der auch Jesus nicht im Tode gelassen hat, dessen Macht sollen die verfolgten Christinnen und Christen vertrauen, auch für ihr Leben.

Und so sind die Worte des Johannes eigentlich tröstlich und ermutigend zugleich. Und wollen das auch für Menschen heute sein. Weil sie daran erinnern, dass da noch ein Gott ist und wir nicht gottverlassene Menschen sind. Weil sie Mut machen noch mit diesem Gott zu rechnen und daran zu glauben, dass er auch aus schwieriger, gedrückter, bedrückter Zeit herausführen kann. Das gilt für unser persönliches Leben, das gilt auch für uns als Gemeinde und für die ganze Kirche.

Da haben ja manche auch schon mit einem Abgesang begonnen. Zeichnen schadenfroh und mit dunklen Farben die Zukunft der Kirche, rechnen die Kirchenaustritte hoch und wie lange es dann noch dauert, bis der letzte das Licht ausmacht. Und ich denke mir dann immer, wenn einer das Licht ausmacht, dann ist es der, der es angemacht hat hier in dieser Welt. 

So wie wir es auf der ersten Seite unserer Bibel lesen können: „Und Gott sprach es werde Licht und es ward Licht(1. Mose 1.3) Und so lange das nicht der Fall ist, Pflanzen wir unsere Apfelbäumchen von Glaube, Liebe und Hoffnung, die diese Welt so bitter nötig hat und singen Gottes Lied in ihr. Denn er tut Wunder. 

In diesen Tagen ist mir wieder ein Artikel aus einer bekannten Zeitschrift in die Hände gekommen. Da beschreibt eine 
Journalistin, wie sie nach Jahren im Ausland wieder nach Berlin zurückgekehrt ist. Im Bürgeramt von Berlin – Charlottenburg beantragt sie den Personalausweis und die Anwohnerparkplakette. Alles verlief problemlos.

Und jetzt lese ich einfach mal in Auszügen aus diesem Artikel:

„Aber da war noch die Sache mit der Kirche. Ich wollte wieder rein, nachdem ich vor Jahren, als mein erstes Gehalt überwiesen wurde aus steuerlichen Gründen ausgetreten war. Aus purem Geiz also. Ich fragte die Sachbearbeiterin, die schaute mich mit großen Augen an. Sie meinen aus religiösen Gründen? Mir fielen keine anderen Gründe ein. Petra, rief sie zu einer anderen Sachbearbeiterin quer über den Flur. Hier sitzt eine, die will zurück in die Kirche. Weißt du, wie das geht?

Auch Petra wusste es nicht. Der herbeigerufene Amtsleiter sagte, dass hier manchmal Berliner säßen, die zum Islam konvertieren wollten oder zum Buddhismus. Das komme vor. Kirchenaustritte natürlich auch. Aber Wiedereinstieg? Keine Ahnung. Gucken Sie mal im Internet.

Ich glaube nicht an Buddha und für mich ist Religion kein Wohlfühlseminar. Ich fühle mich als Christin seit ich denken kann. Ich würde sagen, ich bin gläubig. Ich habe in Rom gelebt, der Welthauptstadt des Katholizismus. Man könnte sagen, dass ich in Rom zur stolzen Protestantin geworden bin. Der Wiedereintritt ist für mich eine ganz private Rebellion. Vor allem aber ist es ein Statement in Zeiten der Krise beider Kirchen. Wenn es immer mehr Menschen egal ist, ob sie einer Kirche angehören, will ich mich zu ihr bekennen. 

Der Artikel geht noch etwas weiter. Er ist für mich eine der besten Predigten, die ich seit Jahren gelesen habe. Gegen allen 
Pessimismus in Hinblick auf die Zukunft der Kirche bestärkt er in mir den Glauben, dass sich immer Menschen finden werden, die das Lob Gottes singen in dieser Welt gegen den Zeitgeist. Und auch immer mehr wieder merken, wohin dieser Zeitgeist uns führt. 

Und so dürfen auch wir als Gemeinde in das Lob Gottes einstimmen, das an diesem Sonntag im Buch der Offenbarung laut wird: Groß und wunderbar sind deine Werke, allmächtiger Gott. Gerecht und wahrhaftig sind deine Wege, du König der Völker. Wer sollte dich, Herr, nicht fürchten und deinen Namen nicht preisen? Denn du allein bist heilig! AMEN.